2018 November 10 / 15:00
Round Table
Beti Žerovc

Den hochmodernistischen Denkmälern, die in Jugoslawien zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg errichtet worden waren, hat man in den letzten Jahrzehnten wohlwollende Aufmerksamkeit geschenkt, auch wenn damit oft ein undefinierbares Unbehagen verbunden war. Was damit zusammenhängen könnte, dass man ein modernistisches abstraktes Kunstwerk unweigerlich mit dem kapitalistischen System verknüpft, ist doch die Qualität eines solchen Werkes durch die große individuelle Freiheit bedingt, die in ebendiesem System gewährt wird. Dass hochmodernistische abstrakte Objekte sich in der öffentlichen Sphäre des jugoslawischen Sozialismus, der heute mit dem Stigma des Totalitarismus behaftet ist, erfolgreich behaupten konnten, erscheint in dieser Hinsicht als Anomalie.

Eine schnelle Lösung dieses unbequemen Widerspruchs, die mit der oben aufgezeigten Argumentationsweise im Einklang ist, besteht üblicherweise darin, diese Monumente unbekümmert so darzustellen, als wären sie zufällig „vom Himmel“ auf den Balkan gefallen und nicht das Produkt einer eigenständigen jugoslawischen Politik, einer ganz bestimmten Ideologie und eines effektiven kulturellen und politischen Systems.

Doch nicht einmal eine genaue Untersuchung dieser Monumente wird den Widerspruch auflösen, weil sich hinter ihrer Entstehung ein ganzer Komplex von unterschiedlichen Motiven und Interessen verbirgt, vom Einsatz moderner Kunst zu politisch-propagandistischen Zwecken, vergleichbar der Situation im kapitalistischen Westen, bis hin zur Vorliebe vieler jugoslawischer Politiker für moderne Kunst und andere Verlockungen der bourgeoisen Welt.

Lassen sich diese Objekte als Suche Jugoslawiens nach einem „Dritten Weg“ interpretieren, oder zumindest als Symbole dieses Strebens, oder sind sie bloß eine Art Trojanisches Pferd des Kapitalismus im Sozialismus?


Beti Žerovc ist eine slowenische Kunsthistorikerin und Kunsttheoretikerin und lehrt an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Ljubljana. Ihre Forschungsgebiete umfassen die bildende Kunst und das Kunstsystem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, wobei sie den Schwerpunkt auf deren Rolle in der Gesellschaft legt. Žerovc ist Mitherausgeberin von The Lives of Monuments: World War II and Public Monuments in Slovenia (2018). Ihr 2015 veröffentlichtes Buch When Attitudes Become the Norm: The Contemporary Curator and Institutional Art wurde und 2018 neu aufgelegt.


Credits: The Tourist and the Monument to the Revolution of the People of Moslavina in Podgarič, Croatia, photo/courtesy: Beti Žerovc.