2015 May 13 / 17:30
Round Table
Heather Davis

Queere Ökologien, unbeabsichtigte Ästhetik und andere Rätsel des Plastikzeitalters

Plastik ist eines der Materialien, die von WissenschaftlernInnen gegenwärtig als ein Zeichen des vollzogenen Übergangs (ein sog. „golden spike”) in das Anthropozän angesehen werden. Plastik ist deshalb so aufschlussreich, weil jegliches Plastik seit seiner Erscheinung 1907 – als das erste synthetische Polymer, nämlich Bakelit, erfunden wurde – irgendwo, in irgendeiner Form, auf dem Planeten verbleibt. Zwar zerstreut es sich und löst sich leicht auf, aber es verschwindet nicht, obwohl viel Energie aufgewandt wird, um es ‘andernorts’ zu verwahren. Es ist nicht biologisch abbaubar, d.h. es verwandelt sich nicht in andere Stoffe. So entsteht schnell eine neue geologische Erdschicht, die sich aus Wegwerfbehältern, Nylonstoffen und Infusionsbeuteln zusammensetzt: eine Geontologie, die buchstäblich zu Fels wird.

Durch die Beschichtung der Erdoberfläche erzeugt Plastik ein ästhetisches Erlebnis, dass sowohl die Methoden der Gegenwartskunst spiegelt, als auch die Verbindung zur Aisthesis hervorhebt. Plastik verformt unsere Empfindungen und Wahrnehmungen, es erzeugt eine neue Erlebnisordnung auf der Welt.

Doch wird nicht nur die Welt des Menschen durch das Plastik berührt. Da es außerhalb des Zeitrahmens biologischen Lebens existiert, bringt es eine untote Eigenschaft mit sich, die im Widerspruch zum biologischen Gegensatz von Leben und Tod steht. Es weitet seine Herrschaft auf alle Biotope aus, mit denen es in Berührung kommt. Der Großteil der Kunststoffe gelangt in die Ozeane und wird dort zum Nahrungsmittel für verschiedene Wesen, vom Plankton bis zu den Walen. Der Nährstoffaustausch wird allmählich beeinträchtigt, Tiere verhungern durch die Überfülle des Kunststoffs. Einerseits verhindert Plastik dadurch bestimmte Lebensformen, andererseits gebiert es Neue. Plastik ist das anthropogene Substrat einer völlig neuen Ökologie von Viren und Bakterien: man nennt sie die Plastisphäre. Anstatt vor dieser giftigen und unfruchtbaren Zukunft davonzulaufen, wie es Mel Chen, Claire Colebrook u.a. vorschlagen, was könnten wir davon lernen, nähmen wir diese unkindlichen Abkömmlinge des Kunststoffs und der Plastisphähre mit offenen Armen auf?

Mein Vortrag beschäftigt sich mit diesen drei Ebenen von Plastik: der Geologie, der Ästhetik und der biologischen Zukunft.

Video 1:28:10

 

 
 
 
 
 
 
 
Heather Davis ist Postdoktorandin am Institute for the Arts and Humanities an der Pennsylvania State University. In ihrer Forschung untersucht sie die Ethologie von Kunststoffen und deren Verbindungen zum Petrokapitalismus. 2011 Promotion an der Concordia University zum Thema Überschneidungspunkte zwischen „community-based art”, relationaler Subjektivität und Ökologie. Postdoktorandinnenstelle an der Duke University, Gastdozenturen an der UCLA (Experimental Critical Theory Program), sowie am California Institute of the Arts (Aesthetics and Politics Program), an der New York University (Hemispheric Institute of Performance and Politics), und an der Rutgers University (Department of Women’s and Gender Studies); Herausgeberin von „Art in the Anthropocence: Encounters Among Aesthetics, Politics, Environment and Epistemology“ (Open Humanities Press, verfügbar 2015) und von „Desire/Change: Contemporary Feminist Art in Canada“ (McGill-Queen’s University Press, verfügbar 2016). Ihre Schriften sind auf heathermdavis.com abrufbar.