2015 May 13 / 16:00
Round Table
Matt Edgeworth

Die Archäosphäre: Jenseits der Oberfläche anthropozäner Landschaften

Landschaften besitzen Tiefe. Sie zeichnen sich durch eine vertikale und horizontale Stratigraphie aus. Beim Kartografieren des stark bearbeiteten Geländes des Anthropozäns müssen wir daher mehr als nur die Oberfläche erfassen. Die Tiefe der Spuren menschlicher Existenz ist mindestens ebenso wichtig wie die horizontale Ausbreitung von Merkmalen auf der Oberfläche. Es ist hilfreich, sich die Landschaft als eine Ansammlung von materiellen Überresten vorzustellen, die Menschen hinterlassen und die eine anthropogenetische Schicht, die Archäosphäre, bilden. Die Archäosphäre stellt die Gesamtheit von Brüchen und Auffüllungen, von Industriemüll, städtischen Mülldeponien und Schichten von Abrissschutt, von archäologischen Erdarbeiten, von Anbauböden, landwirtschaftlichen Terrassen und von anderen Spuren menschlicher Tätigkeiten in der Erde dar. Diese sind miteinander verwoben und bilden zusammen eine stratigraphische Einheit. Man kann sich dieses Gebilde als eine Art Teppich von fast globaler Ausbreitung vorstellen, der an einigen Stellen dick und flauschig ist und an anderen dünn und zerschlissen. Dies ist der Boden, auf dem die Menschen wohnen, bauen und arbeiten.

Das bedeutet nicht, dass anthropozäne Landschaften der bloße Abdruck vergangener menschlicher Tätigkeiten sind oder dass sie ausschließlich durch den Menschen entstehen. Die Archäosphäre ist einer der sich am schnellsten wandelnden Bereiche der Erde mit massiven Auswirkungen auf das „System Erde“.Zudem leben in ihr zahlreiche Spezies, deren Lebensräume vom Menschen sukzessive beeinträchtigt  worden sind, und die eine wichtige Rolle in der fortlaufenden Bildung und Umbildung der Archäosphäre spielen. Diese Schicht ist von Strömen von Materie (z.B. Flüsse) durch- und überzogen, die sich mit menschlichen Agenden vermischen und Hybride bilden, die weder kulturell noch natürlich, sondern eine Mischung aus beidem sind. Solche Verflechtungen fordern uns heraus, traditionelle Sichtweisen auf Landschaft zu überdenken.

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Matt Edgeworth ist Honorary Visiting Research Fellow der Universität Leicester, Großbritannien. Promotion 1992 in Archäologie und Anthropologie an der Universität Durham, danach in kommerzieller und universitärer Archäologie tätig. Leiter von mehreren archäologischen Projekten von den Orkney-Inseln Schottlands bis zum nordafrikanischen Karthago; in den letzten zehn Jahren Projektverantwortlicher an der Universität Birmingham, Forschungsbeauftragter an der Universität Leicester und Senior Archaeological Investigator bei English Heritage; derzeit freiberuflicher Archäologe. Er fühlt sich am wohlsten bei der Feldarbeit im direkten Kontakt mit neu auftauchenden materiellen Indizien. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Archäologietheorie beschäftigen sich vor allem mit interdisziplinären Fragestellungen. Dazu zählen: „Ethnographies of Archaeological Practice” (2007) und „Fluid Pasts: Archaeology of Flow” (2011). Vor kurzem gab er für die neue Zeitschrift „Journal of Contemporary Archaeology” das Themenheft „Archaeology in the Anthropocene” heraus und veröffentlichte wissenschaftliche Beiträge über geo-logische und archäologische Ansätze zum anthropogenetischen Boden. Fellow der Londoner Society of Antiquaries und Mitglied der multidisziplinären Anthropocene Working Group.
Bild:
Lincoln Central Library and Lincolnshire Archives, ref LCL 26000