2015 May 13 / 19:00
Round Table
Round Table #1

Landschaft im Anthropozän
Mensch macht Natur

Landschaft hat Konjunktur — als Gegenstand der Künste wie der theoretischen Reflexion. Spätestens seit der niederländische Chemienobelpreisträger und Atmosphärenforscher Paul Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer den Begriff „Anthropozän“ als Bezeichnung für das derzeitige Erdzeitalter vorschlugen, ist Landschaft nicht mehr einfach nur schön. Sie ist weit entfernt von einer idyllischen Aussicht oder einer ländlichen Szenerie, längst ein weitgehend künstliches System menschengemachter Räume und zudem unvorhersehbaren Veränderungen ausgesetzt.

Die Vorstellung einer unberührten Natur ist hinfällig: Menschen haben den Planeten und sein Ökosystem irreversibel verändert und sind zu einem geologischen Faktor geworden. Natur ist nicht mehr ein zu bewahrendes Objekt, sondern eine dynamische Interaktion natürlicher und menschlicher Kräfte, von Bewegungen und Gestaltung. Diese Formung der Natur hat ein Ausmaß erreicht, das gesellschaftliche und technologische Prozesse als die treibenden Kräfte auf unserem Planeten erscheinen lässt - nicht mehr biologische. Gesellschaft, Kultur und Natur sind so eng verwoben, dass sie nicht mehr unabhängig voneinander untersucht werden können: Es scheint als überhole der Mensch das bisherige evolutionäre Tempo.

Klimawandel, Artensterben, die Verschmutzung von Luft, Wasser, Erde oder die fortgeschrittene Veränderung der Erdoberfläche durch Bohrungen, Tunnel, Ackerbau und Bauwerke sind globale Phänomene. Sie können im Alltag jedoch nur lokal erfahren werden. Schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel, Stürme oder Überschwemmungen lassen sich untersuchen und zahlenmäßig erfassen. Aber wie werden die Phänomene wahrgenommen und gedeutet? So wie das Klima die Gesellschaft beeinflusst, verändern soziale Praxen das Klima. Und wie verändert die These vom Anthropozän unsere Kulturlandschaft?

Der Mensch gestalte die Erde in einem so unkalkulierbaren Maße um, dass er nicht mehr auf die sich selbst regulierende „Mutter” Erde vertrauen könne. Wir müssten nicht mehr um unser Überleben in der Natur bangen, sondern um sie, weil der Mensch die Natur mache — das sei der Kern der Anthropozän-Theorie, so Geowissenschaftler und Paläontologe Reinhold Leinfelder.

Einführung Video 12:21
Gabriele Mackert

Die schwarzen Paradiese des Anthropozän. Zur Kritik der Berechenbarkeit
Gloria Meynen

Berührte Natur
Christian Schwägerl

Die Archäosphäre: Jenseits der Oberfläche anthropozäner Landschaften
Matt Edgeworth

Queere Ökologien, unbeabsichtigte Ästhetik und andere Rätsel des Plastikzeitalters
Heather Davis

Runder Tisch Video 35:23
Heather Davis, Matt Edgeworth, Gabriele Mackert
Gloria Meynen, Christian Schwägerl