2015 May 12 / 18:00
Round Table
Christian Schwägerl

Berührte Natur

Seit Eugene Stoermer und Paul Crutzen im Jahr 2002 vorschlugen die gegenwärtige geologische Epoche umzubenennen, um die vom Menschen verursachten Veränderungen der Erde zu reflektieren, hat sich der Begriff des Anthropozäns rasant verbreitet. NaturwissenschaftlerInnen, GeisteswissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, PolitikerInnen, UmweltschützerInnen und viele andere versuchen seitdem die Bedeutsamkeit dieses Begriffs zu fassen und dessen Auswirkungen zu verstehen. Was ist das Anthropozän? Die Summe aller Umweltprobleme? Oder eher Ausdruck einer neuen Phase menschlicher und planetarischer Evolution? Wann begann es? Bereits 1610 als der Massenmord amerikanischer Ureinwohner durch europäische Siedler zu einem derartigen Neubewuchs der Wälder führte, dass der weltweite C02-Ausstoß sank? Oder viel später als 1945 atomare Explosionen und die Ausbreitung von Kunststoffen unvergängliche “Zukunftsfossilien” erzeugten? Was bedeutet es im Anthropozän zu leben? Wird man über diese neue Epoche als Legitimationsgrund für menschliches Herrschafts- und Anspruchs-denken verfügen oder wird sie ein Aufruf zu einem kulturellen und zivilisatorischen Übergang zu einer ökologisch verträglichen Lebensform? Ist das Anthropozän an sich ein anthropozentrisches Konzept oder eröffnet es der Zivilisation einen reibungsloseren Umgang mit den Lebensformen der Erde? Der Begriff des Anthropozäns folgt keiner fest fixierten Denkart, sondern steht als Reflexionsanregung angesichts schwindender metaphysischer und physischer Grenzen zwischen Kultur und Natur. Es bietet sich demnach als ein noch entstehendes und vielseitig verwendbares Begriffswerkzeug zur Erforschung der Verwandlung der Natur an. Anders gesagt, wie es Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn formuliert, es ist ein “Prozess, der über sich selbst reflektiert.”

Video 1:33:08

 
 
 
 
 
 
 
 
Christian Schwägerl ist Journalist, Autor und Biologe und lebt in Berlin. Nach mehreren Jahren Tätigkeit als Feuilleton-Redakteur und politischer Journalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und politischer Korrespondent beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel, ist er seit 2012 freischaffend für Geo, Zeit Wissen, Cicero und andere Medien zu den Themenbereichen Wissenschaft, Umwelt, Technik und Kultur tätig; Gewinner des Georg von Holtzbrinck Preises für Wissenschaftsjournalismus und des Econsense Journalistenpreises; Autor von drei Büchern: „Menschenzeit“ (Riemann, 2010), 2014 in überarbeiteter englischsprachiger Auflage als „The Anthropocene“ von Synergetic Press veröffentlicht, „11 drohende Kriege“ (mit Andreas Rinke, 2012, Bertelsmann) und „Die analoge Revolution“ (Riemann, 2014). Sein erstes Buch „Menschenzeit” hat das „Anthropozän-Projekt“ am Haus der Kulturen der Welt in Berlin und die Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän“ am Deutschen Museum München inspiriert. Er ist Mitgründer und Mitglied der Projektleitung des „Anthropozän-Projektes“. 2014-2015 Leiter der Masterclass „Zukunft des Wissenschaftsjournalismus“ der Robert-Bosch-Stiftung.

Bild:
ROBYN  WOOLSTON, Habitus 2013, www.robynwoolston.com